Tag 12 „Der Pass“
Der Wecker klingelt um 3:00Uhr, um 3:30Uhr gibt es Frühstück. Oder einen Mitternachtssnack? Irgendetwas dazwischen. Wir trinken warmen Tee, löffeln eine Knoblauchsuppe und versuchen wach zu werden und uns auf das einzustellen, was uns heute bevorsteht. Die Rucksäcke hatten wir so gut es ging am Abend vorher gepackt. Das Material ist gecheckt, die Stirnlampen haben frische Batterien und die Taschenlampe ist geladen. Wir füllen die Trinkflaschen nochmals mit warmem Wasser und dann soll es auch schon los gehen. Zumindest machen sich die anderen Grüppchen rund um ihre Guides/Porter auf den Weg. Unser Porter? Er hat keine Eile, er will später los, obwohl wir das mehrmals besprochen hatten. Er reagiert mit der nepalesischen Gelassenheit, die wir schon öfters beobachten konnten. 4:00 Uhr kann eben auch 4:30Uhr sein. Dann starten Ann-Kathrin und unser Porter für den heutigen Tag schonmal, während ich mich auf die Suche nach Pferd und Pferdeführer mache. Ich finde sie in der Unterkunft nebenan. Das Pferd bekommt grade erst Fressen, der Guide ist mit eben jener Gelassenheit unterwegs, die ich eben beschrieben habe. Gut, er wird den Berg hoch laufen, als sei es ein gemütliches Schlendern auf ebener Fläche. Diese Ausdauer holt den Vorsprung der anderen am Ende auch auf. Trotzdem schwer, diese Gelassenheit zu übernehmen. Um 4:50Uhr heißt es dann schließlich ab aufs Pferd und los. Es ist eisig kalt. Klar, man bewegt sich nicht und der kalte Wind pfeift.
Etwa eine Stunde nach unserem Start in Thorong Phedi erreichen wir das High Camp. Ein letztes Hotel vor dem Pass. Hier treffen wir die beiden Jungs (ein Italiener, ein Franzose), die wir die letzten Tage kennen gelernt haben, die hier die Nacht verbracht haben, um einige Höhenmeter zu sparen. Ich hatte bereits berichtet, dass wir uns wegen der Höhe gegen eine Nacht dort entschieden hatten. Hier gibt es eine wärmende Knoblauchsuppe und einen Tee. Es herrscht reger Betrieb, obwohl es 5 Uhr ist.
Nachdem mich das Pferd abgesetzt hat, verabschiede ich mich von unserem Guide, er geht zurück, schaut ob Ann-Kathrin noch ein Stück reiten mag und wenn nicht kehrt auch er nach Manag zurück. Ann-Kathrin kommt mir ohne Pferd entgegen, ich warte lediglich 20 Minuten knapp unterhalb des Passes in der Sonne. Ich muss etwas auf und ab laufen. Es ist kalt. Aber auszuhalten.
5416m! Diese Zahl schwirrt uns seit Tagen, wahrscheinlich schon seit Wochen durch den Kopf, so häufig wie keine andere Zahl.
Nun sind wir also hier oben! Auf 5416m! Wir sind angekommen. Es ist ca 8:00Uhr morgens. Es ist kalt, aber die Sonne scheint. Es windet leicht, aber es lässt sich aushalten. Gut, wir haben auch alle Schichten an, die wir dabei haben. Zwei Wochen lang haben wir die Dauenjacken mit uns rumgetragen, für diese paar Stunden. Aber es hat sich gelohnt, sie sind nötig. Das Wasser im Rucksack ist mittlerweile gefroren. Meine Füße sind etwas kalt, Ann-Kathrin ist aufgeheizt. Die Luft? Sie ist dünn, komischerweise hatte ich es schlimmer erwartet. Merken wir es einfach nicht, vor lauter Euphorie? Wahrscheinlich! Häufig wird eine Euphorie auch in Bezug zur Höhenkrankheit beschrieben. Ich denke bei uns ist es etwas dazwischen: Wir haben unser Ziel erreicht und unser Hirn bekommt etwas zu wenig Sauerstoff.
Wir verabschieden uns von unserem Porter, er hat unsere Rucksäcke bis nach oben getragen und macht sich jetzt auf den Rückweg nach Thorong Phedi. Ab jetzt heißt es schleppen.
Unser Pferd mit Guide hat sich schon etwas unterhalb des Passes verabschiedet. Die letzten ca 100 Höhenmeter gehen wir auf Schnee/Eis, immer wieder sind Löcher in der Schneefläche. Ich verstehe, warum das Pferd hier nicht hoch sollte. Ist auch in Ordnung, immerhin ein paar Meter soll auch ich selbst zurücklegen.
Wow, seit 4:00Uhr sind wir unterwegs. Seit 4h läuft Ann-Kathrin durchgehend Bergauf. In einer Höhe, in der der Sauerstoffgehalt in der Luft nur die Hälfte von dem beträgt, was wir gewohnt sind. Es sind 900Höhenmeter, die heute aufzusteigen waren und keinen davon wollte sie auf dem Pferderücken zurücklegen. Ich bin beeindruckt! Und stolz! Bei mir war es dafür genau umgekehrt. Ich habe nur wenige Meter ohne Pferd zurückgelegt. Ich hadere mit mir: Hätte ich nicht auch zumindest einen Teil laufen sollen? Ich hätte es versuchen können. Aber wäre ziemlich sicher nicht weit gekommen. Es ist, wie es ist! Jeder so gut er kann.
Aber nochmal zu diesen 5416m, es ist einfach wunderschön! Da steht dieses Schild, das wir auf so vielen Bildern gesehen haben. Vollgehangen mit Gebetsfahnen, um uns herum Schnee, ein wahnsinnig schöner Ausblick und eine strahlende Sonne. Wir bleiben einige Minuten, lassen alles auf uns wirken, machen Fotos, trinken Eiswasser, machen Fotos von anderen und genießen den Moment. Ob wir es in diesem Moment realisieren? Ich glaube nicht. Das kommt erst später.
5416m das ist das Ziel, die Hürde, der Knackpunkt unserer Tour. Schaffen wir es da hinauf? Über das Hinunter haben wir uns nie Sorgen gemacht. Es gibt auch keinen Grund sich Sorgen zu machen, aber es ist härter, als wir dachten.
Nach unten bedeutet: 1800m von 5416m auf 3600m.
Wir tragen auch wieder unsere Rucksäcke. Irgendwie ein ungewohntes Gefühl, ich frage mich die ganze Zeit: Sitz er einfach nicht richtig, oder ist es ungewohnt, nach ein paar Tagen ohne Rucksack, jetzt wieder einen schweren Klotz auf dem Rücken zu haben?
Selten habe ich eine solche Ambivalenz an Gefühlen verspürt: Stolz und Freude über das, was vor allem Ann-Kathrin geschafft hat und Wut und Ärger über mich selbst. Diese Wut ärgert mich noch mehr… Ich bin heute kein guter Begleiter. Ich hoffe einfach, dass es schnell vorbei geht.
Die letzten Stunden haben uns schon weit hinab geführt, ein schmaler meist sandiger Pfad, gesäumt mit größeren Steinen, hat uns in engen Kurven den steilen Berg hinunter geführt. Immer wieder mussten wir Schneefelder kreuzen. Wir sind froh über unsere Steigeisen. Es wäre zur Not auch ohne gegangen, aber sich keine Sorgen über den Halt auf dem Teils gefrorenen und festgetretenen Schnee machen zu müssen hilft sehr.
Wir verstehen, warum uns immer wieder gesagt wurde, dass wir bei neuem Schnee einen Guide brauchen oder zumindest eine Gruppe mit Guide vor uns haben sollten. Zwar ist der Weg hier oben durch Metallstangen markiert und nicht nur durch Farbmarkierungen am Wegesrand, aber selbst jetzt ist nicht immer der direkte Weg zwischen diesen Stangen der beste. Wir haben aber keine Probleme uns zu orientieren. Der Pfad oder die Spuren im Schnee unserer Vorläufer, geben den Weg vor: In engen Kurven steil nach unten.
Unsere Mittagspause verbringen wir um etwa 13:00Uhr in der ersten Möglichkeit nach dem Pass. Wir sind hier schon etwa 4h bergab gelaufen. Wir brauchen dringend etwas zu essen und zu trinken. Vor allem aber brauchen meine Beine eine Pause. Wir treffen die Argentinier wieder, sie haben uns auf den letzten Kilometern abgehängt. Wir sitzen in der Sonne, essen Nudeln mit Tomatensoße und gebratenen Reis und hoffen, dass es bald vorbei ist.
Wir haben nun 6,5h, 13km und 1800 Höhenmeter Abstieg hinter uns. Ich wusste es wird ein langer Tag, aber ich dachte mir: Es geht ja nur bergab. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so steil, so steinig/uneben und so kräftezehrend sein wird. Ann-Kathrin läuft nach wie vor, als wäre das alles nichts, wie eine Gazelle erklimmt sie den Berg. Ich bin beeindruckt und versuche ihr langsamen Schrittes zu folgen.
Es ist nun etwa 15:00 Uhr, wir haben unser Ziel vor Augen: Muktinath. Endlich! Ich kann kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen. Die Oberschenkel schmerzen, ich habe das Gefühl meine Zehen sind einige Zentimeter kürzer geworden.
15:30Uhr erreichen wir nun das lang ersehnte Muktinath. Es empfängt uns ein über der Stadt liegender, schöner Tempel mit einer langen Treppe, Entspannung für die Beine, im Vergleich zu den rutschigen, steilen Wegen. Wir haben uns im Vorfeld mit den anderen in einer Unterkunft verabredet, davon gibt es hier viele und wenn man Google glauben schenken kann, sind viele von diesen nicht zu empfehlen. Unsere Unterkunft ist etwas komfortabler, als das, was wir von den letzten Tagen gewohnt waren. Wir haben eine Toilette und Dusche im Zimmer und das Beste: Wir haben sogar heißes Wasser im Zimmer! Eine der besten Duschen seit langem!
Wir sitzen am Abend noch ein bisschen mit den anderen zusammen, essen gemeinsam. Wir haben Glück: wir finden über unsere Unterkunft einen Jeep, der uns am nächsten Tag nach Pokhara fahren soll. Er ist nur unwesentlich teurer, als ein „Public Bus“ dies sind Busse, die zwischen den größeren Städten pendeln, sie sind augenscheinlich in nicht wirklich gutem Zustand, häufig scheinen die Reifen eher Sliks zu ähneln, als Reifen, mit denen man Sand/Schotterpisten entlang fahren will. Außerdem wird versucht die Busse immer voll zu halten, somit halten sie an jeder Möglichkeit. Auf einer 7h langen Strecke kann das die Fahrzeit weiter ziehen. Wir sind alle platt und fallen früh ins Bett!
Was für ein Tag!
One Comment
Michael
Allerhöchsten Respekt vor dieser phantastischen Leistung. Ihr könnt absolut stolz auf Euch sein , egal, ob mit oder ohne Porter/ Pferd dieser Pass bewältigt wurde !!
Der Weg das Ziel. Ihr habt unendlich viele Ziele erreicht.
Alles Gute für die nächsten Etappen auf eurer Reise um die Erde.
Michael